Filmkritiken
Talk to Me
erschienen 27.07.2023
Länge 1 Stunde 35 Minuten
Genre Horror, Mystery
Regie Michael Philippou, Danny Philippou
Cast Sophie Wilde, Alexandra Jensen, Joe Bird, Otis Dhanji, Miranda Otto
Drehbuch Danny Philippou, Bill Hinzman, Daley Pearson
Musik Cornel Wilczek
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Quelle: themoviedb.org

Talk to Me

3 / 10

Die Erinnerungen an den Verlust einer engen Person wird für immer in einem selbst weilen und können jederzeit mit voller Kraft wieder auftauchen – es ist löblich, dass Talk to Me diese Botschaft an ein jüngeres Publikum vermitteln möchte. Zusätzlich zum zentralen Thema Trauerbewältigung fügen sich anschwellende Reue sowie anschwellende Behauptungen über Verhaltensweisen zwischen Jugend- und Eltern-Generation an. Ausgangspunkt dieser Themenkette ist Mia (Sophie Wilde), die den erst vor kurzem geschehenen Verlust ihrer Mutter verarbeiten muss und Vorwürfe gegenüber ihrem Vater bezüglich seiner potentiellen Prävention dieses tragischen Ereignisses hegt. Den Lauf der Zeit nachvollziehen – der Dialog als Ventil, als temporäre Schlichtung aber auch als emotionaler Anker für die eigene Gefühlslage. „Aftersun“ gelingt dies auf wunderbare Art und Weise und „The Night House“ von David Bruckner darf ebenfalls erwähnt werden.

Doch die Phillipou-Brüder haben die jüngere Zielgruppe – grob geschätzt zwischen 16 und 28 Jahren – vor allem deshalb im Blick, damit sie in ihrem Langfilmdebüt dieses Thema mithilfe eines okkulten Teen-Horrors behandeln, in dem der Beginn die Augenbraue kurz hochziehen lässt, doch der weitere Verlauf stetig anstrengt und statt 90 Minuten gefühlte 110 Minuten andauert. Die Probleme fangen schon beim Filmtitel an, denn Talk to Me ist unter den neuen, jungen Erwachsenen eigentlich eine Initialphrase für eine Mutprobe, in der ein Dialog mit einer zufälligen Person aus dem Jenseits durch das Greifen einer Hand aus Keramik hergestellt wird und von den Proband:innen Besitz ergreift. Der Kontakt darf die Dauer von 90 Sekunden nicht überschritten, da dies ansonsten schwerwiegende Konsequenzen mit sich zieht. Dieser Dialog wird von zig Smartphones rund um die Proband:innen festgehalten durch die vom Grusel ausgehende Faszination an der individuellen Reaktion. Eine übernatürliche Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits wird somit zum Social-Media-Spektakel – das typische Lauffeuer in der Jugend auf den gegenwärtigen Stand der Technik aktualisiert.

Da passt es einfach nicht, dass diese Mutprobe schon bald zur drogenartigen Montage ausartet und das Spektakel audiovisuell genüsslich aufgesaugt wird. Der Regelrahmen der Mutprobe führt dazu, dass Verstöße gegen diesen den Gefühls-Staudamm der Protagonistin Mia brechen lassen. Doch dabei entsteht zu keinem Zeitpunkt eine Spannung auf Horror-Ebene und noch ärgerlicher: eine Bindung zu der Protagonistin wird nicht hergestellt, weil der Auslöser sie unsympathisch aussehen lässt. Stattdessen wird die oben erwähnte Trauerverarbeitung mit Paranoia beigemischt, um Psycho-Horror zu kreieren mit anscheinend unheimlichen Motiven, in denen das Kostümdesign wenigstens ordentlich zur Geltung kommt. Indes gesellt sich ein Fehltritt nach dem nächsten zu Mias Charakterprotokoll mit einem Schlüsselmoment, der sich lange antizipieren und die Augen nach oben rollen lässt. Die dämliche Musikuntermalung hilft kräftig mit und gräbt sich mit den Bildern tiefer in Mias Psycho-Trip hinein, der nicht mitreißt. Hölzerne Dialoge (u.a. „Ich war nicht ehrlich zu dir“ – ach was du nicht sagst!) beeinträchtigen den Filmtitel und nahezu der gesamte Cast stört – bis auf Alexandra Jensen als Mias beste Freundin Jade. Zwei Situationen sind ungewollt lustig und ein Witz über die Herkunft der Keramik-Hand gefällt.

Die eingangs erwähnte Botschaft setzt sich zwar in den 90 Minuten zusammen, doch wirkt alles zu verworren in einem aus der Mutprobe sich entfaltenden müden Thriller plus Besitzergreifungs-Masche, Pupillenerweiterung, Stimmenmanipulation und Wahnvorstellungen. Talk to Me ist hinsichtlich seines Themas Trauer interessant, dessen Aufbereitung als Überwindungstest für das Thema gut gemeint, aber die Umsetzung mit der unsympathischen Hauptfigur hinderlich. Die Geschichte schreitet ohne Überraschungen voran, flößt kaum Angst ein, fügt Brutalität nur wegen des Shock Values hinzu und ist generell ein gegenseitiges Schulterklopfen der Brüder auf dem Regiestuhl für die Errungenschaft, die Filmrechte an A24 in den Vereinigten Staaten verkauft zu haben. Eine große Enttäuschung.

Film Talk to Me
erschienen 27.07.2023
Länge 1 Stunde 35 Minuten
Genre Horror, Mystery
Regie Michael Philippou, Danny Philippou
Cast Sophie Wilde, Alexandra Jensen, Joe Bird, Otis Dhanji, Miranda Otto
Drehbuch Danny Philippou, Bill Hinzman, Daley Pearson
Musik Cornel Wilczek